Lebenserinnerungen wecken …

Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass das Erinnerungsvermögen bei der Arbeit an den Lebenserinnerungen nur selten ein Problem darstellt. In aller Regel genügt es, den Erinnerungsfaden an einer beliebigen Stelle aufzunehmen. Meine Startfrage lautet sinngemäß meist: „Wenn Sie an Ihre Kindheit denken, welche Bilder oder Erlebnisse kommen Ihnen als erstes in den Sinn?“ Diese Szene lasse ich mir schildern. Alles weitere entspinnt sich in der Folge fast wie von selbst: eine Erinnerung ruft die nächste hervor, diese eine weitere und so geht es im besten Falle munter weiter, bis erzählt ist, was zu erzählen war.

Und wenn es mal nicht so läuft? Wenn das Erinnern eben doch ins Stocken gerät? Wenn es kein Gegenüber gibt, das die richtigen Fragen anbringt, die entscheidenden Stichwörter souffliert? In solchen Fällen gibt es vielfältige Möglichkeiten, die helfen können, vermeintlich verschüttete Lebenserinnerungen zu wecken. Folgend möchte ich einige davon stichwortartig aufzählen. Die Aufzählung ist als Anregung zu verstehen. Sie erhebt weder einen Anspruch auf Vollständigkeit, noch sind alle genannten Ideen für jeden Menschen gleich gut geeignet. Jeder möge sich hier die Methode/n herauspicken, die ihm oder ihr am besten passt – oder eine andere, auf die wiederum ich vielleicht noch garnicht gekommen bin.

Menschen: Gibt es Freunde, Verwandte oder andere Menschen aus Ihrer Kindheit und Jugend, mit denen Sie heute noch in Verbindung stehen? Oder zu denen Sie den vielleicht zwischenzeitlich verloren gegangenen Kontakt (wieder-)herstellen könnten?

Besuchen Sie alte Weggefährten, machen Sie Besuche, laden Sie sie ein, zu sich nach Hause oder zu einem Spaziergang. Tauschen Sie Ihre Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse aus, an Menschen, mit denen man zu tun hatte, an (Heimat-)orte oder was auch immer, Ihnen in den Sinn kommen mag.

Wem das – aus welchen Gründen auch immer – zuviel ist (weil der andere vielleicht im Ausland lebt, die Gesundheit eine Reise nicht zulässt oder Sie schlichweg den Aufwand damit verbundenen Aufwand scheuen): Schon ein ausgedehntes Telefongespräch kann entscheidende Anstöße geben, um verschüttete Lebenserinnerungen ans Licht zu holen.

Orte: Viele Menschen verlassen früher oder später den Ort, an dem Sie Ihre Kindheit oder andere wichtige Lebensphasen erlebt haben. Besuchen Sie diese Orte, machen Sie eine Reise in Ihre Vergangeheit: Gibt es Ihr Elternhaus noch, Ihre erste Schule?

Wandeln Sie auf Ihren eignen Spuren: Können Sie sich noch an den Schulweg erinnern, den Sie Tag für Tag jahrelang gelaufen sind? Oder daran, wo im Ort die Bäckerei war oder der Fleischer? Gewiss wird sich vieles sehr verändert haben, doch manches ist sicher auch heute noch vorhanden.

Manche Örtlichkeit wird sicher Erinnerungen wecken, an ein bestimmtes Ereignis, einen bestimmten Tag, an einen Menschen, der in Ihrem Leben eine größere oder kleinere Rolle gespielt hat.

Fotos: Weniger aufwändig, aber nicht weniger effektiv ist der Griff zu alten Fotoalben oder -kisten. Blättern Sie durch die alten Fotos, die Ihnen zur Verfügung stehen. Fragen Sie auch Verwandte oder Freunde, ob sie noch Bilder ‚von früher‘ haben, die sie Ihnen leihen oder gemeinsam mit Ihnen anschauen können.

Sehen Sie die Bilder genau an: Wer ist darauf zu sehen, wer steht vielleicht am Rand des Geschehens, was ist das für ein Haus im Hintergrund, was hält eine abgebildete Person in der Hand, was war das für ein Tag, wie war die Stimmung, wie das Wetter, wer stand damals hinter der Kamera? Lassen Sie die Bilder auf sich wirken, spüren Sie dem nach, was sie in Ihnen auszulösen.

Bilder sind für das Erinnern von großer Bedeutung. Mitunter erinnern wir uns an Ereignisse erst dadurch, dass wir Bilder von ihnen sehen.

Biografische Fragen: Auch Fragen können einen hervorragenden Zugang zu Ihren Lebenserinnerungen eröffnen. Dabei können Fragen nach konkreten Ereignissen ebenso zum Ziel führen wie allgemeinere, die persönliche Ansichten, Wertvorstellungen oder Gefühle ins Ziel nehmen.

Zu diesem Bereich gibt es – nicht nur, aber auch aus dem Bereich der Biografiearbeit mit älteren Menschen – eine Vielzahl von Fragen-Sammlungen, mit denen sich arbeiten lässt. Als Anregung ist die folgende kleine Sammlung gedacht, die einen Eindruck davon vermitteln soll, welche Art von Fragen infrage kommen können:

Konkrete Fragen:

  • Wie häufig sind Sie in Ihrer Kindheit umgezogen? Weshalb, wohin?
  • Welchen Beruf übte Ihr Vater aus?
  • War Ihre Mutter berufstätig?
  • Wo stand Ihr Elternhaus? Wie sah es aus?
  • Welche Feste wurden in Ihrer Familie gefeiert, welche Traditionen gepflegt?
  • Haben Sie Geschwister? Wie war das Zusammenleben mit Ihnen?
  • Welche Eigenschaften mochten Sie an Ihrem Vater/Ihrer Mutter? Welche nicht?
  • Welche Spiele haben Sie in Ihrer Kindheit gespielt?
  • Hatten Sie einen Spitznamen?
  • Wie haben Sie Ihren Lebenspartner/Ihre Lebenspartnerin kennengelernt?

Abstraktere Fragen:

  • Haben Sie ein Lebensmotto? Wenn ja, was verbinden Sie damit?
  • Wie würden Sie sich als Kind beschreiben? Wie heute?
  • Welche Menschen haben Sie geprägt und wodurch?
  • Welche Erfolge haben Sie erlebt?
  • Welche Verluste haben Sie erlitten?
  • Welche besonderen Interessen haben Sie?
  • Was würden Sie als Ihre größten Stärken beschreiben?
  • Welche Schwächen haben Sie und wie sind sie bisher damit umgegangen?
  • Welche Bedeutung hatte Ihr Beruf für Ihr Leben?
  • Gibt es Lieder oder Kunstwerke, die in Ihrer Vergangenheit eine besondere Rolle gespielt haben?

Zum nächsten Thema: Das Material ordnen, Teil 1

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Einen Schwerpunkt werden Tipps & Tricks rund um die Arbeit an der eigenen Lebensgeschichte oder Audio-Biografie bilden. Diese Beiträge sollen sobald sie vollständig vorliegen, eine Anleitung ergeben, die Sie von Anfang bis Ende durch die Arbeit an Ihrer Lebensgeschichte begleitet.

Ich wünsche Ihnen erfolgreiche Arbeit und vor allem viel Spaß!
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