Den roten Faden legen (2)

Eine Variante, auf die ich gerne zurückgreife, besteht darin, ein besonders prägendes Ereignis zu wählen und dieses als Einstieg ganz an den Anfang zu stellen. In jedem Leben gibt es Momente, die in besonderer Weise wichtig sind, die einen Menschen in herausragender Weise prägen und die stärkeren Einfluss auf sein weitere Leben nehmen als andere. Das kann etwas besonders Schönes sein oder auch etwas sehr Trauriges, Dramatisches: die Geburt eines Kindes, ein schlimmer Verlust, eine große Liebe, ein tragischer Unfall oder ein Lottogewinn. Manchmal ist es auch etwas nach außen hin eher Unscheinbares, manchmal „nur“ eine wichtige Einsicht, die aber den Fortgang des weiteren Lebens stark beeinflusst.

Indem Sie solch ein einschneidendes Erlebnis an den Anfang Ihres Textes setzen, ziehen Sie den Leser unmittelbar in Ihre Geschichte hinein. Er ist sofort mittendrin in Ihrer Lebenserzählung, auch wenn er vielleicht nicht alle Zusammenhänge gleich verstehen kann. Statt mit einer langatmigen Einleitung zu beginnen, geht es – verzeihen Sie den flapsigen Ausdruck – gleich zur Sache. Aspekte, die für den Leser an dieser Stelle (noch) unklar bleiben, können Fragen aufwerfen, die ihn neugierig machen auf den „Rest“ des Buches: Wie war das eigentlich genau? Wie konnte es dazu kommen? Welche Entwicklungen waren dafür wichtig? War das eine oder andere vielleicht schon vorauszusehen? Welche Auswirkungen hat das gehabt? In welcher Weise hat das den Menschen, um den es hier geht, geprägt, sein Wesen und sein Verhalten beeinflusst? Ein solcher, nicht chronologischer Aufbau kann für die Dramaturgie Ihres Textes entscheidend sein. Beachten Sie aber, dass solch eine Dramaturgie von Ihnen beim Schreiben besondere Aufmerksamkeit erfordert. Achten Sie darauf, dass der Leser stets weiß, wo er sich (zeitlich) gerade befindet und sorgen Sie dafür, dass alle Fragen, die für das Verständnis von Bedeutung sind, bis zum Ende des Buches beantwortet haben.

Zum besseren Verständnis ein Beispiel aus der Praxis: Eine Frau, die auf tragische Weise ihren Mann verloren hat, beginnt ihre Erzählung genau mit dem Telefonanruf, mit dem ihr mitgeteilt wird, dass ihr Eheman soeben verstorben sei. Sie beschreibt die Situation detailliert, den Schock, die Gedanken, die ihr in diesen Augenblicken durch den Kopf gegangen sind. Anschließend erzählt sie die Geschichte ihrer großen Liebe nach, der Liebe ihres Lebens. Vom Kennenlernen, über den ersten Kuss, die Gründung der gemeinsamen Familie bishin zum Verlust des geliebten Partners. Im Anschluss beschreibt sie, wie ihr Leben nach diesem großen Einschnitt weitergegangen ist, wie sie zunächst mit ihrem Schicksal gehadert hat, schließlich aber neuen Mut fassen konnte, um ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Und darüber, wie es ihr heute, wo sie ihre Geschichte aufschreibt, geht.

Das ist nur eine Möglichkeit von vielen, seine Lebensgeschichte/n zu strukturieren. Genausogut kann man auch einfach anekdotische Erzählungen aneinanderreihen, so wie sie einem gerade einfallen. Auch so kann ein unterhaltsames und informatives Buch entstehen. Sie können die Geschichte/n Ihres Lebens auch an Lieder, Bücher oder Ereignisse des Weltgeschehens nehmen knüpfen, die für Sie zu bestimmten Lebensabschnitten gehören – oder an Ihre Lieblingsrezepte! Woran Sie sich bei Ihren Erzählungen orientieren und wie Sie diese gliedern, bleibt Ihnen überlassen. Beachten Sie aber – gerade, wenn Sie nicht streng chronologisch vorgehen wollen – dass Ihre Leser orientiert bleiben und ihren Ausführungen folgen können. Gerade wenn Sie mit Zeitsprüngen arbeiten, sollten Sie gut darauf acht geben, dass der Leser stets ausreichend Informationen hat, um dem Geschehen folgen zu können. Wenn beispielsweise Ihr Onkel Ferdinand im Zuge eines gleich zu Beginn Ihrer Erzählungen geschilderten Ereignisses eine tragende Rolle spielt, sollten Sie ihn nicht erst am Ende Ihres Buches vorstellen.

Dennoch lassen Sie sich eines gesagt sein: Machen Sie es nicht zu kompliziert. Wenn Sie Ihre Geschichte lieber der Reihe nach erzählen (und sei es, weil es Ihnen auf diese Weise leichter fällt) sollten Sie genau das tun. Ihre Biografie muss deswegen nicht langweilig werden! Und: Auch die Struktur einer fertig (chronologisch) erzählten Lebensgeschichte lässt sich im Fall der Fälle auch im Nachgang noch umbauen.

Zurück zum Praktischen: Nehmen Sie sich für diesen Schritt ausreichend Zeit. Schieben Sie Ihre Karteikarten ruhig hin und her, probieren (und verwerfen) Sie verschiedene Varianten. Lassen Sie die Karten – wenn dies möglich ist – einfach mal eine Nacht lang liegen und werfen Sie am nächsten Tag noch einmal einen frischen Blick darauf. Es kann sehr hilfreich sein, sich für diesen Arbeitsschritt eine zweite Meinung einzuholen. Lassen Sie sich von jemandem über die Schulter schauen und prüfen Sie gemeinsam, ob die von Ihnen gefundene Reihenfolge sinnvoll und auch für einen Außenstehenden nachvollziehbar ist.

Ist die eine geeignete Reihenfolge gefunden, notieren Sie diese als „Fahrplan“ für Ihre weitere Arbeit am Text auf ein separates Blatt. Dazu schreiben Sie einfach die Stichwörter, die auf den Karteikarten stehen, in der Reihenfolge, für die Sie sich jetzt entschieden haben, untereinander auf. Diesen Fahrplan gilt es nun, Stichwort für Stichwort „abzuarbeiten“…

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Einen Schwerpunkt werden Tipps & Tricks rund um die Arbeit an der eigenen Lebensgeschichte oder Audio-Biografie bilden. Diese Beiträge sollen sobald sie vollständig vorliegen, eine Anleitung ergeben, die Sie von Anfang bis Ende durch die Arbeit an Ihrer Lebensgeschichte begleitet.

Ich wünsche Ihnen erfolgreiche Arbeit und vor allem viel Spaß!
Hinweis:
Die aktuellsten Beiträge stehen jeweils oben. Wenn Sie der Anleitung chronologisch folgen wollen, sollten Sie sich also am besten von unten nach oben durcharbeiten...